Gesellig bis einsam im Wallis

Datum: 21.08.-01.09.2021

 

Dass es manchmal nicht läuft wie geplant, das kennen wir alle. Genauso galt das auch für unsere Hochtour diesen Jahres und ich stand alleine da. Hinschmeißen? - Kam auch nicht in Frage, das Wetter war gut gemeldet und es war für mich die einzige Möglichkeit im ganzen Jahr. Nun denn...

 

Samstag, 21.08.2021

Umorganisieren war angesagt. Ausrüstung und die spontane Neuplanung wollten gut überdacht sein. Mein kleines Auto hatte ich ohnehin bereits umgebaut und Proviant war auch schon vorhanden. Anstatt morgens in der Frühe in die Schweiz aufzubrechen, benötigtes Material aus dem Vereinsheim besorgen und bei Torsten noch einige eventuelle Nützlichkeiten einsammeln. Mit ihm führte ich auch einige sehr informative Gespräche über die Bedingungen und Methodik.

Dann um 12:00 Uhr, Abfahrt in Richtung Furkapass, wo zwei Übernachtungen geplant waren. Nach einem langen Stau vor Heidelberg ging es flüssig nach Süden; die Freude machte mein Grinsen breit, als die Berge in Sicht kamen und es schließlich bei Basel über die Grenze ging. Der Ortsname Andermatt auf den Straßenschildern zeugte davon, dass die lange Fahrt im Auto bald ein Ende hatte.

 

Gegen 18:30 Uhr kam ich endlich am Furkapass an. Wahnsinn, wie dieser mittlerweile altbekannte Pass immer noch neu begeistert. Von Andermatt die Passstraße hinauf, bis sich hinter dem Hotel Furka das Panorama des Berner Oberlandes auftut.

Schnell packte ich einen kleinen Rucksack, um noch unterhalb des Muttgletschers zum Tällihorn (2.856m) hinaufzuspurten. Goldene Regel der Höhenvorbereitung: Höher steigen, tiefer schlafen. Aufgrund der Uhrzeit wurde meine schnelle Akklimatisationsrunde mit einem grandiosen Ausblick auf das Abendrot über den Viertausendern des Berner Obeerlandes belohnt. Kein schlechter Start für meine Tour. Ein prüfender Blick richtete sich noch auf den Galenstock auf der gegenüberliegenden Seite des Furkapass. Dann ging es zurück zum Pass, wo ich zum ersten Mal meinen „Camperumbau“ meines Kleinwagens auf die Probe stellte: Beifahrersitz nach hinten umgeklappt, Schlafsack ausgebreitet, fertig. Die Nacht wurde erholsam und ruhig.

Sonntag, 22.08.2021

Nach der langen Anfahrt am Samstag ließ ich es zunächst ruhig angehen. Heute stand lediglich das Muttenhorn (3.099m) auf dem Programm. Dieses war mir von der Akklimatisation meiner ersten Hochtour im Jahr 2015 noch gut bekannt. Der Weg ist nicht schwer zu finden. Gleich wie am Vortag unterhalb der Reste des Muttgletschers auf der Höhe queren, kommt man nach ein paar Serpentinen auf der anderen Seite der Moräne zu einer verlassenen Hütte. Von hier aus einfach dem breiten Grat hinauf folgen. Leider hingen die Wolken tief und hoben sich erst, als der Gipfel fast erreicht war. Während der Rast musste ich feststellen, dass ich die Höhe recht deutlich spürte, auch wenn die typischen Kopfschmerzen ausblieben. Dennoch genoß ich die Pause sehr, sobald ich im Windschatten saß und schwelgte in Erinnerungen an vergangene Touren. Noch begriff ich nicht wirklich, was es hieß, alleine unterwegs zu sein. Nach einer Stunde machte ich mich auf den Rückweg. Wie vor sieben Jahren wählte ich den Weg über den Gletscher, zu dem man über eine Scharte hinunter gelangt. Es gestaltete sich schwierig, da die Schmelze auch dem Muttgletscher extrem zusetzt. Während des gesamten Abstieges versuchte ich noch einmal einen Ausblick auf meine nächste Tour zu erhaschen. Die Wolken blieben jedoch hartnäckig und stiegen nicht hoch genug. Kein gutes Omen. Nun aber genoss ich vorerst noch die Landschaft und den Gletscherbach auf dem Rückweg zum Pass.

 

Dort angekommen, ruhte ich aus, bereitete die Ausrüstung für die Besteigung des Galenstocks vor und parkte das Auto um. Viele Hoffnungen machte ich mir nicht, für den Moment tat es gut einfach auszuspannen und ein wenig zu lesen.

Montag, 23.08.2021

04:30 Uhr klingelte der Wecker. Noch war es draußen duster. Etwas zu duster. Aber gut, Wolken an sich stellen nicht unbedingt ein Problem dar. So machte ich mich eine halbe Stunde später auf den Weg zu Sidelenhütte (2.708m). Diese stellte jedoch nur einen Wegpunkt dar. Von dort aus musste ich in Wolken kurz den richtigen Weg suchen. Den Hannibalturm links liegen lassen und rechtshaltend an steilen Felswänden vorbei einige Schneefelder hinauf. Die geringe Sicht erschwerte die Orientierung und das Schätzen von Entfernungen immens. Ab und an ließen die Wolken ein Blick zurück zu und die Uhr verriet, dass ich ein wenig hinter meinem Zeitplan lag. Soweit aber noch in Ordnung. Mit Steigeisen ging es den steiler werdenden Schnee hinauf zu einer Rinne zu einem Klettersteig, der auf den Südgrat des Galenstock (3.586m) führt. Der Übergang auf den Fels war heikel. Der Schnee war unterhöhlt und eine Kluft zum losen Schutt musste überwunden werden. Daher verschwendete ich keine Zeit und kraxelte den Klettersteig ein kleines Stück hinauf, um die Steigeisen anzulegen. Von hier aus konnte ich kurz unseren Umkehrpunkt von 2018 erspähen.

 

Der Steig führt ausgesetzt die Wand der Scharte hinauf und endet oben auf dem Grat. Dort wechselt man kurz auf Schnee, bevor man in den Südgrat mit IIIer Kletterei einsteigt. Einzelne Durchbrüche der Sonne hatten mich auf eine Besserung des Wetters hoffen lassen. Stattdessen verschlechterte sich die Sicht zunehmend auf unter 50m und Schneeschauer setzten ein, während ich immer weiter in die Wolken hineinkletterte. Die Erschwerte Orientierung, Entwicklung entgegen der Wettervorhersage und die noch bevorstehenden Höhenmeter mit anschließendem Abstieg, sowie die Tatsache, als Sologänger auf mich allein gestellt zu sein, waren mir sehr bewusst. Daher entschloss ich mich auf etwa 3.200m zur Umkehr. Der Abstieg klettert sich bekanntlich schwieriger als der Aufstieg...

Vor dem Abstieg vom Grat auf den Gletscher machte ich noch eine ausgedehnte Pause. Zeit dafür war nun mehr als genug und mehr Zeit in der Höhe würde sich im Laufe der Woche auszahlen. Zudem war Gelegenheit, meinen nun dritten gescheiterten Versuch am Galenstock zu reflektieren. Auch wenn er mit knapp 3.600m alles andere als hoch ist, verglichen mit all den Viertausendern, so ist dieser Gipfel eine ausgewachsene Hochtour mit allen Gefahren und Risiken. Außerdem darf man die mentale Herausforderung nicht unterschätzen, ausgesetzt, zudem in schlechtem Wetter alleine unterwegs zu sein. Die Besteigung über leichteres Gelände vom Rhonegletscher aus wäre vielleicht möglich gewesen, die Kletterroute war auch dieses Mal das Risiko nicht wert.

 

Bald machte ich mich an den Abstieg hinunter zum Gletscher und setzte Kurs auf die Sidelenhütte. Der Steig führte nun auch wieder unter die Wolken, sodass ich zum ersten Mal am Tag meine Umgebung betrachten konnte. Am Bach hinter der Hütte zeigte sich sogar nochmal die Sonne, das Grau um den Gipfel wich jedoch den ganzen Tag nicht mehr fort. Den Gipfel bekam ich den ganzen Tag lang nicht zu sehen.

Nach kurzer Rast in der Sonne gab Hunger das Kommando zum Aufbruch, zumal es auch wieder zuzog. Im verbleibenden Abstieg begann ich bereits mit der Umplanung der restlichen Tage. Eine Fortführung der Tour wie geplant war so nicht möglich, da bereits ein Tag verloren war.

Zurück am Auto verkroch ich mich in den Schlafsack und verbrachte den Nachmittag damit, ein neues nächstes Gipfelziel zu suchen. Draußen ringsum eine weiße Wand, die am Abend allmählich dunkler wurde, während es zu stürmen und regnen begann. Tatsächlich war es ein Gefühl von Zufriedenheit, die Entscheidung zur Umkehr getroffen zu haben.

 

 

Dienstag, 24.08.2022

Der neue Tag brachte vollkommen neue Ausblicke. Zwar zeigte sich der Galenstock auch heute nicht, südlich des Furkapass war es jedoch vollkommen wolkenlos. Ruhetag war angesagt. Dennoch machte ich mich einige Meter auf den Weg, die Gegend zu erkunden und einige Meter aufzusteigen. Es waren viele Wanderer unterwegs, die sich allesamt über einen kleinen Plausch freuten. Zwei davon hatten sich das kleine Furkahorn (3.026m) vorgenommen. Nachdem auch dieses sich in Wolken hüllte, schossen wir gemeinsam ein paar Fotos vom Berner Oberland und stiegen ausgedehnt zum Parkplatz hin ab. Nach einem kurzen Abschied widmete ich mich wieder meinen eigenen Plänen.

Die Wahl war auf das Strahlhorn gefallen. Ich trocknete meine Stiefel, fasste Essen und räumte mein Auto für die Fahrt um. Vom Pass aus ging es am Rhonegletscher vorbei ins Rhonetal nach Visp. Dort in Richtung Saastal und Zermatt bis zur Gabelung des Tals. Hier wollte ich die Nacht verbringen und die Möglichkeiten vor Ort nutzen, mein Marschgepäck vorzubereiten und Wasser aufzufüllen.

Da der Tag nicht gefüllt war, erkundete ich ein wenig den umliegenden Wald. Laut einer Mountainbikerin soll es von meinem Parkplatz aus die Möglichkeit geben, zur Bordierhütte zu gelangen. Diese ist ein Ausgangspunkt für die Begehung des Nadelgrat. Eine lange, hochalpine Tour, die definitiv auf meiner Liste steht!

Bald wurde es Zeit, sich wieder dem Schlafsack zu widmen und den nächsten Tag anzugehen.

Mittwoch, 25.08.2022

Zwar war heute nur ein Aufstieg von Zer Meiggeru zur Britanniahütte geplant, was jedoch keine Rechtfertigung für Ausschlafen war. Früher Aufbruch sorgte hoffentlich dafür, weniger lange der Mittagsglut ausgesetzt zu sein, in Mitten von Geröll und Moräne. 06:00 Uhr ging es daher aus den Federn. Beim Packen hatte ich mich um möglichst leichtes Gepäck bemüht. Der Rucksack war nach einem kurzen, kalten Frühstück zusammen mit den Stiefeln marschbereit verstaut. Ein letztes Mal vom Brunnen getrunken, dann ging es auch schon los ins Saas-Tal. Der Weg und Parkplatz war mir von meinen Anfängen in den 4.000ern bereits gut bekannt: 2015 hatte Torsten mit mir hier das Nadelhorn und die Weissmies bestiegen. Auch damals hatte ich den Namen der Britanniahütte oft gehört und dass man im Winter dorthin auch mit den Skiern aufsteigen kann. An dieser Stelle darf der Parkplatz gelobt werden: Es ist hier ehrlich leistbar, sein Auto abzustellen. Lediglich ist die Parkdauer auf maximal 48 Stunden begrenzt.

An diesem Tag war ich nicht der Einzige, der früh von diesem Parkplatz aus starten wollte: Während ich meine sieben Sachen vorbereitete und die Botten anzog, kam Katja herüber und fragte mich nach meinen Plänen. Es stellte sich heraus, dass wir beide das selbe Tagesziel hatten.

Nach einem kleinen zweiten Frühstück startete auch ich gegen 08:00 Uhr in Richtung der Hütte. Früh unterwegs zu sein lohnt sich hier, da von Anfang an kaum Bäume Schatten spenden. Mit wenigen Serpentinen und langen Querungen arbeitet man sich die steile Flanke des Egginers (3367m)oberhalb von Zer Meiggeru hinauf. Dabei kommt man an den Resten einer abgerissenen Hütte und einem immer noch aktiven Schutzbunker vorbei. Recht schnell kam die Sonne hinter der Bergkette auf der anderen Talseite hervor, sodass es bald drückend heiß wurde. Als der Mattmarkstausee in Sicht kam, begann das Gelände kurz flacher zu werden und die Möräne führt zum Chessjengletscher hinauf. Nach einer weiteren kurzen Stufe quert man die Moräne und es geht flach über Eisreste hinüber zu dem Sattel, auf dem die Britanniahütte (3.030m) steht. Hier überhohlte ich Katja, die zwanzig Minuten vor mir gestartet war. An der Hütte steigt der Weg nocheinmal in einer kleinen Stufe sozusagen auf die Terasse empor und man kommt zwischen dem Gebäude und Klein Allalin (3.070m) heraus. Meine Gehzeit betrug drei Stunden.

Zur Britanniahütte führt außerdem vom Stausee aus noch der Glacier Trail und man kann von der Station Felskin in kürzerster Zeit maximal komfortabel hinüber laufen. Wenn man das nötige Kleingeld für die Bergbahn von Saas Fee hat.

Vor der Hütte erkundeten Katja und ich die Umgebung auf Sicht und tauschten uns bei einer gemütlichen Stärkung über unsere Vorhaben der nächsten Tage aus. Und Handynummern. Denn sie stieg am selben Tag wieder ins Tal ab, um ihren ersten 4.000er in Angriff zu nehmen: Das Lagginhorn (4.010m) auf der anderen Seite des Tals. Wir wollten uns später in Stalden treffen und gemeinsam die Weissmies besteigen.

Den Rest des Tages verbrachte ich mit einer kurzen Erkundung des morgigen Weges bis an den Gletscher hinunter und Schlafen. Beim Essen am Abend sammelte ich bei einer niederländischen Gruppe mit Bergführer noch einige Informationen über die Bedingungen im Umland. Auch diese Seilschaft hatte sich für den kommenden Tag das Strahlhorn vorgenommen. Mit Vorfreude, aber auch ordentlich Respekt vor den Gletschern kroch ich wieder in meinen Schlafsack.

Donnerstag, 26.08.2021

Erster "großer" Gipfeltag: Strahlhorn. 03:45 Uhr kroch ich aus dem warmen, sicheren Schlafsack. In aller Ruhe spulte ich den geplanten Ablauf am Morgen ab, sodass ich eine halbe Stunde später gefrühstückt hatte und fertig (?!) ausgerüstet als Erster von der Hütte startete. Das angenehme dort ist, dass man zuerst ein wenig ist Richtung Gletscher absteigt. Am Eis angekommen wollte ich die Steigeisen anlegen. Zwar ist der Hohlaubgletscher flach und gut begehbar, jedoch bieten die Eisen zusätzliche Sicherheit und Möglichkeiten im Notfall. Intuitiv griff ich an die Schlafe meines Gurtes. Ins Leere! Die beiden eigens für die Tour neu angeschafften Steigeisen lagen noch auf der Hütte. Also ab zurück. Auf dem Weg dämmerte mir, was los war: Ursprünglich wollte ich meinen Gurt vollausgerüstet bereit legen. Allerdings hatte ich die Steigeisen im Nachhinein wieder abgenommen, um mich beim Anziehe der Stiefel nicht versehentlich auf die spitzen Zacken zu setzen...

Eine ganze halbe Stunde kostete mich dieses Missgeschick. Nachdem ich unter verdutzten Blicken der Kameraden nochmals die Hütte betrat, querte ich kurz darauf in einem Bogen auf der Höhe den Hohlaubgletscher. Nun hatte ich den Vorteil, anderen Seilschaften mit Bergführern folgen zu können. Die Nacht war optimal gewesen, denn es hatte gut gefroren. Somit verkürzte sich der Weg über den offenen Gletscher, auch derer, die vor mir gingen, enorm. So mussten wir nicht sämtliche Spalten umgehen, sondern konnte Schneebrücken nutzen.

Fast alle. Plötzlich gab es einen Ruck, ich hörte Schnee rieseln und der Lichtkegel meiner Lampe machte einen Satz. Rechts hatte der Pickel irgendwie Halt im Eis gefasst, die linke Hand ruderte in Pulverschnee, der sich sogleich nach unten verabschiedete. Hoffend, dass der Pickel hielt, trieb ich eine Eisschraube in die Wand vor mir, um hoffentlich einen sicheren Anker zu bekommen. 

Dieses wage Gefühl der Sicherheit nutzte ich, um mich kurz zu sortieren und einen Blick nach unten zu werfen. Links und rechts die Wände, jedoch wurde die Tiefe zu reiner Schwärze und schluckte alles Licht, das die Stirnlampe bot. Lieber bemühte ich mich um Befreiung und suchte besseren Halt mit den Frontalzacken der Steigeisen. Als sich der Stand so sicher anfühlte, wie es mein Gefühl gerade zuließ, die Schraube wieder herausgedreht. Stattdessen benutzte ich sie jetzt, um zusätzlich Halt außerhalb der Spalte zu bekommen, sodass ich mich Stück für Stück mit dem rechten Fuß nach oben aus der Spalte herausarbeiten konnte. Sobald beide Füße wieder festes Eis unter sich hatten. Für einen kurzen Moment drehte ich mich um und schaute das Loch an, aus dem ich gekrochen war. Bei allem Spaß an den Touren darf man nicht vergessen, wie fatal solche Spaltenstürze enden können.

Wieder gesammelt, orientierte ich mich wieder in Richtung des Gegenanstieges, der auf den Fuß des Hohlaubgrates hinauf und im Anschluss zum Allalingletscher hinunter führt. Still und einsam folgte ich dem Gletscher. Mit zunehmender Höhe wich das Kratzen der Steigeisen einem sanften Knarzen auf der Schneedecke. Dann und wann wandte ich mich um und bewunderte den Sonnenaufgang. Für eine kleine Weile tauchte die Morgensonne die Landschaft in ein goldenes rot. 

Rechts die mächtige Wand des Rimpfischhorns, von der man einen guten Abstand halten sollte, um Steinschlag zu vermeiden. Links blickt man direkt auf den Nordgrat und die Nordwestflanke des Strahlhorns. Etwa 200 Höhenmeter vor dem Adlersattel wird das Gelände deutlich steiler und ich merkte meine steigende Höhe deutlich. Der Weg zum Sattel hatte sich etwas länger gezogen. Pause legte ich erst auf der Schulter danach ein.

Nach kurzem Verschnaufen folgte ein gefühlt nicht enden wollender Endspurt. Ein leichter Aufschwung folgte dem nächsten. Da ich noch nicht vollständig akklimatisiert war, ging es nun langsamer voran. Doch irgendwann - endlich - kam das Blockgelände direkt unterhalb des Gipfelkreuzes in Sicht.

 

Und dann - dann stand ich um 09:00 Uhr auf dem Strahlhorn auf 4.190m! Was ein Gefühl! Nach einem chaotischen Aufbruch, einem Spaltensturz, solch grandiosem Sonnenaufgang an einem so hervorragend schönem Tag auf dem ersten Viertausender des Jahres angekommen! Ich genoss dieses Gefühl sehr und ganz in Ruhe ehe ich mein Proviant auspackte. Eine ganze halbe Stunde verbrachte ging ins Land. Auch in Hinblick darauf, mich für weitere Gipfel noch besser an die Höhe zu gewöhnen.

Die Aussicht war bombastisch! Rundherum Sicht bis in die Ferne: Vom Berner Oberland bis zu Mont Blanc und der Dauphiné. In solchen Momenten hat man es bildlich vor Augen immerhin ein viertel aller 4.000er der Alpen bestiegen zu haben. Für mich persönlich vom Tal oder der Heimat aus kaum zu begreifen. Was ein Genuss hier oben..!

 

Danach hieß es Abstieg. Mit der fortschreitenden Mittagszeit weicht die Sonne vorhandene Schneebrücken auf, sodass auf dem bedeckten Gletscher die Spaltensturzgefahr rasant zunimmt. 

Erst kurz vor der Schulter traf ich auf die Niederländer vom Vorabend, die den Gipfel als zweites erreichten. Zügig ging es über eine gute Spur wieder hinunter zum Adlerpass und von dort zurück Richtung Hohlaubgrat. Weiter unten wurde der Gletscher flacher und öffnete sich, sodass mein Tempo nun abnahm. Es war schwerer als gedacht, über Spalten in dem Schutthaufen zu den richtigen Steinmännern zu finden. Diese helfen bei der Orientierung, um auf den Grat zu kommen. Dort führte der Weg über zwei Schneefelder auf den Hohlaubgletscher, den man in einem großen Bogen auf der Höhe zur Moräne auf der anderen Seite quert. Eigentlich trifft man dann bei einigen Steinmänner auf den Pfad zur Britanniahütte. Dieser war jedoch durch eine aufbrechende Spalte nicht mehr begehbar. Daher musste man sich seinen eigenen Weg durch die großen Schuttblöcke suchen. Ab der Gabelung, an der vom Mattmarkstausee her der Glacier-Trail hinzustößt, führt eine regelrecht ausgetretene Autobahn zur Hütte hinauf. Nach zehn Minuten hatte sich dann aber auch der letzte Gegenanstieg des Tages erledigt und ich war überglücklich, erfolgreich unversehrt von der Tour zurückgekehrt zu sein - Gott sei Dank! 

 

Botten aus, Socken - das aller Erste nach dem langen Marsch. In einer ausgiebigen Pause legte ich nasse Klamotten zum Trocknen aus, vernichtete den übrigen Proviant, ließ den kühlen Wind um meine Füße streichen und blickte auf die vergangene Besteigung zurück. So ließ ich die Mittagsglut verstreichen, ehe es an den Abstieg zum Auto ging.

 

Auch wenn alles überraschend schnell und vergleichsweise leicht gegangen war, so spürte ich nun doch, dass der lange Marsch mit noch geringer Höhengewöhnung mich ordentlich geschlaucht hatte. Erschöpft erreichte ich mein kleines Zuhause und fuhr nach einem Wechsel in leichtere Schuhe zu meinem Nachtlagerplatz. An diesem Abend war ich alleine. Das Abendessen in aller Ruhe und frühe Schlafengehen taten gut.

Freitag, 27.08.2021

Nach dem anstrengenden Vortag war erstmal Ruhe angesagt. Da ich auf dem Furkapass ohnehin alle Pläne umgeworfen hatte, gab es eh keine weiteren Pläne und der Tag wartete mit viel Entspannug in der Sonne. Und einer Besichtigung von Stalden. Am Morgen hatte ich die erste Postkarte geschrieben, die nun zusammen mit einer Briefmarke aus Saas-Grund nun einen Briefkasten suchte. Auf dem Rückweg lud ein großer Baumstumpf zu einer genüsslichen Rast mit Aussicht über Stalden und das Tal ein.

Das erste Mal, dass ich das Dorf, das an der Gabelung zwischen Saas- und Mattertal liegt, zu Fuß besuchte. Besonders beeindruckte mich dabei die Chibrigga, die seit 1545 die Mattervispa überspannt. Fußgänger trägt die Brücke bis heute und bietet beeindruckende Blicke in die Tiefe auf den Bach. Nach einem kurzen Trailrun von etwas mehr als einer Stunde lockte die warme Sonne zu einem Mittagsschlaf. Als dieser von einigen passierenden Mountainbiker gestört wurde erfuhr ich, dass man von meinem Lagerplatz aus offenbar auch mit dem Bike - oder zu Fuß - die Bordierhütte erreichen konnte. Diese ist ein Stützpunkt für die Begehung des Nadelgrates.

Den Rest des Nachmittages bemühte ich mich um neue Tourenplanung mit dem fixen Termin, mit Katja die Weissmies zu erklimmen. Diese traf zusammen mit einem weiteren Kameraden ebenfalls am frühen Abend ein. Die beiden luden mich auf Pasta al Carbonara ein. Wichtig: das Ei kommt erst über die fertig angerichteten Nudeln. Oder? Für das leckere Essen war ich ebenso dankbar wie für die nette Gesellschaft. Auch an diesem späten Abend legte ich mich mit vielen neuen Erinnerungen schlafen.

Samstag, 28.08.2021

Nachdem Katja brichtete, dass dort keine Pätz mehr frei waren, fiel der Plan, zur Almageller Hütte aufzusteigen für heute flach. Für heute. Zwar lief mir allmählich der Urlaub davon, etwas mehr Erholung vom Schichtdienst war ehrlicher Weise auch nicht verkehrt.  Außerdem hatte ich mich auf die Tour mit Katja gefreut. Sowohl darauf, sie bei ihrem zweiten 4.000er zu unterstützen, als auch diese einzigartigen Erlebnisse und Begeisterung mit jemandem teilen zu können. Somit schoben wir unseren Plan um einen Tag auf und verabredeten uns für morgen, uns am Nachmittag in Saas-Almagell zu treffen. Sie machte sich für heute auf den Weg zum Mattmarkstausee.

Tja. Nun war ich wieder alleine. Ohne Gipfeleffizienz. Dafür kurbelte es meinen Planungsdrang an. Viel zu teures Internetdatenvolumen hatte ich bereits auf dem Furkapass einkaufen müssen, um neue passende Karten und Wettervorhersagen zur Verfügung zu haben. Bis Mittag lag also ein ehrgeiziges Projekt auf dem Tisch, das Bishorn mit seinem Nebengipfel Point Burnaby über den Ostgrat zu begehen. 

Da sich im Planungsverlauf herausstellte, dass selbst das kleinste Datenpaket eigentlich zu viel für meine Bedürfnisse war, musste schließlich die Heimat per Videoanruf meine Schwärmereien für die Berge ertragen und sich natürlich alles zeigen lassen. Nach einer weiteren Erkundungsrunde zu Fuß und ein wenig Lesen neigte sich auch dieser Tag irgendwann dem Ende zu.

Sonntag, 29.08.2022

Zwei unproduktive Tage hatte zwischen den herrlichen Bergen bei herrlichen Verhältnissen waren es nun. Umso energiegeladener war ich nun, die verbleibenden Tage nochmal ordentlich Gas zu geben. Punkt 10:00 Uhr trafen Katja und ich uns nun am Parkplatz von Zer Meiggeru. Dort besprachen wir noch den Aufstieg zur Hütte: Den Erlebnispfad oberhalb des Saas-Tals wollten wir natürlich mitnehmen. Dorthin jedoch nicht über den Fahrweg, sondern über den Weg zur Heidbodme. Zeit hatten wir mehr als genug.

Zuversichtlich und bei schönstem Sonnenschein machten wir uns auf den Weg. Hinter der alten Jugendherberge war es noch schattig. Bald nahmen wir unseren Abzweig, der uns zunächst ins Furggtal führte, wo die Sonne über dem lichten Wald empor stieg. Nachdem uns unser Gefühl jedoch sagte, dass wir zu weit ins Tal hinein kamen, suchten wir einen Weg nach Norden. So kam es, dass wir uns nach einer Bachüberquerung und einem Zaun auf einer Büffelweide fanden. Katja wusste einiges darüber zu erzählen, denn diese Alm gehört wohl dem Freund eines Bekannten eines Freundes... Von dieser Almwirtschaft gab es sowohl Käse als auch Fleisch. Von Büffel und Ziegen. Die Tiere zeigten sich jedoch nur aus der Entfernung und in der Hütte war niemand anwesend. Der Brunnen dort kam uns recht - kaltes Wasser für aufgeheizte Wanderer. Wie erfrischend!

Nach einer kurzen Beratung entschlossen wir uns, wieder ein paar mühsam erarbeitete Höhenmeter einzubüßen und leicht berab unterhalb des Allmageller Horns über eine Bergkoppel mit Pferden zum Erlebnisweg zu queren.

Nach Klettersteigeinlagen und zwei spektakulären Seilbrücken gelangt man am Taleingang auf den leichteren Aufstiegsweg. Dieser führt weit in das Tal hinein zur Allmageller Alm, von der aus man nach Norden die Moräne zur Almageller Hütte hinaufsteig. Alles leichte Wege, daher bezeichnet sich die Almageller Hütte auch als kinderfreundlich! So kamen wir nach einem kleinen Abenteuer gut gelaunt an. Nachdem wir unser Gepäck für den Gipfeltag vorbereitet hatten, ließen wir den Tag entspannt mit Kaffee und verführerischem Zwetschgenkuchen ausklingen.

30.08.2022

05:00 Uhr Frühstückszeit auf der Almageller Hütte. Entsprechend starteten wir gegen halb sechs die alte Moräne zum Zwischenbergenpass hinauf, wo wir kurz vor Sonnenaufaufgang ankamen. Etwas oberhalb legten wir unsere Kletterausrüstung an, damit wir nicht direkt vor dem Blockgrat den Einstieg blockierten. Nach einem kurzen Marsch auf einem Teil des Schneefeldes ging es maximal in IIer Kletterei in goldener Morgensonne den Blockgrat hinauf. Katjas erste Tour mit anhaltender Kletterei. Wir verzichteten auf Seilsicherung, da das Gelände kaum ausgesetzt ist und kamen hervorragend voran. Unsere Laune - spitze! Mir selbst war es eine große Freude und ein großes Vergnügen, meine Begeisterung für hochalpine Touren teilen und weitergeben zu können. An dieser Stelle: Danke dir, liebe Katja!

Zügig und zielsicher gelangten wir zu dem Sporn, auf dem der Firngrat zum Gipfel beginnt und Pickel ausgepackt, bei Bedarf Steigeisen angelegt werden. Die Bedingungen am Firn waren top. Dicht unter dem Gipfel quert man rechts haltend in brüchigem Fels eine Rinne, bevor sich der Weg rund zehn Meter links herum hinaufschwingt. Von hier aus noch wenige Schritte - die Weismiess ist bestiegen! Von Norden und aus dem Saas-Tal flogen Wolken herauf, sodass es zur Herausforderung wurde, ein Gipfelfoto mit Mischabelgruppe und Monte Rosa zu erhaschen. Die Sicht nach Süden zwar dunstig, aber atemberaubend.

 Nach kurzer Zeit auf dem Gipfel hieß es dann auch wieder Abstieg. Plan war es, noch heute wieder an unseren Autos anzukommen. Zudem machten sich bei Katja Kopfschmerzen bemerkbar. Ein Zeichen umgehend so schnell wie möglich niedere Höhen aufzusuchen!

Bis zum Wiedereinstieg in den Blockgrat kamen wir noch gut voran. Beim Klettern stieg der Puls jedoch deutlich, sodass die Schmerzen dann immer weiter zunehmen. Selbst bereits zur Genüge gespürt, konnte ich mich gut in Katja hineinversetzen. Anfangs kamen wir noch recht gut voran, mit abnehmendem Tempo entschied ich jedoch, dass wir alsbald möglich auf das Schneefeld wechselten. Beim gehenden Abstieg blieb der Puls konstanter und die Höhensymptome etwas besser erträglich. Am schon ziemlich sulzigen Schnee angekommen, legten wir Steigeisen an und banden uns ins Seil ein. Langsam und still spurte ich einen Weg, wir durchquerten mehrere Schuttbänder, bis der Schnee endgültig aufhörte. Etwas oberhalb der Zunge wechselten wir wieder auf einen schuttigen Pfad und Katja ging voraus, während ich das Seil einpackte. Zurück am Zwischenbergenpass wurde der Weg wieder angenehmer, da wir nach wenigen weiteren Metern wieder übeer nackte Felsrücken absteigen konnten. Katja sah hier, 800 Meter weiter unten, auch schon wieder deutlich fitter aus. Bei nun bedeutend schnellerem Tempo erreichten wir gegen 16:00 Uhr die Almageller Hütte.

Hier verschnauften wir, gönnten uns ein Stück Kuchen (danke für die Einladung :-) ) und sammelten das zurückgelassene Gepäck ein. Gegen halb sechs traten wir gestärkt den restlichen Weg ins Tal an. Dieses Mal ohne Umwege. Direkt unterhalb der Hütte durch Geröll wurde der Weg an der Alm flacher und ebener, bis wir den Wald betraten. Hier schlängelt sich der Pfad die Talflanke hinunter, bis man in Saas-Almagell an der Talstation der Seilbahn zum Triftgletscher ankommt. Das Tal lag längst im Schatten. Vor uns nur noch der Marsch an der Straße entlang ein wenig aufwärts zum Parkplatz von Zermeiggern, wo wir rund 20:15 Uhr ankamen. Spät waren wir angekommen, aber genauso glücklich wie geschafft nach einem langen, erlebnisreichen Tag zu Fuß.

Wir wollten nur noch ins Bett, ich selbst ein letztes Mal zum Grillplatz. Entsprechend kurz dennoch herzlich fiel die Verabschiedung aus, nachdem wir mit einem interessierten Bergsteiger über die Verhältnisse am Berg gesprochen hatten.

Angekommen am Nachtlager traf ich einige Bekannte der letzten Tage wieder. So setzte ich mich zu der ausgelassenen Runde dazu, spendierte der Runde einen Schuss und wir unterhielten uns bis spät am Abend und verfielen endlich in erholsamen Schlaf.

Liebe Katja, nochmals vielen Dank für die tolle Zeit an der Weismies! Zusammen ist's einfach schöner.

31.08.2021

Ein letztes Mal ausschlafen auf der diesjährigen Tour. Entspannt frühstücken. Heute stand auf dem Programm, meine Ausrüstung für eine schnelle Besteigung des Bishorn vorzubereiten, Stiefel zu trocknen und ins Turtmanntal zu fahren. Nach einem sonnigen Tag machte ich mich zur späten Mittagszeit auf den Weg. Während der Fahrt genoss ich die Umgebung im Rhonetal. Jedes Jahr das gleiche: ein ruhiger gemütlicher Urlaub. Herrlicher Gedanke. Doch irgendwie zu es uns dann doch immer wieder auf die eisigen Gipfel.

Angekommen auf dem Parkplatz Oberer Sämmtum wurde der Hunger grob gestillt. Mit leichten schlappen erkundete ich noch den breiten Weg entlang der Turtmänna, der namensgebende Bach. Dies stellte sich als nützlich heraus. Es war definitiv nicht mögich, den Turtmanngletscher direkt abzusteigen: Die Gletscherzunge bildete zusammen mit einer Stufe in der Moräne eine hohe Steilwand. Ebenso schied eine Umgehung über die angrenzenden Felsflanken aus. Steil, eventuell steinschlaggefährdetes Gelände und im Falle der unpassierbarkeit, wollte ich nicht zu weit zurücksteigen müssen.

Bei der Umplanung am Auto entschied ich für einen langen Umweg an der Cabane du Tracuit vorbei. Nach dem Verlassen des Gletschers würde ich Zeit haben. Die Gletschertraverse Turtmann-Brunegg verwarf ich, da mir weder die Verhältnisse, noch die Findbarkeit bekannt waren. Alsbald es dunkel wurde, lag ich ein letztes Mal voller Vorfreude, aber auch ein wenig nervös in meinem Schlafsack. Bei leiser Musik, die eine vertraute Freundin mir mitgegeben hatte, schlief ich ein.

 

01.09.2021

01:45 Uhr. Von früh am morgen kann man nicht sprechen. Mitten in der Nacht. Als letzte Aktion vor dem Aufbruch löste ich ein Parkticket. Zwar würden die maximal zwölf Stunden nicht reichen, jedoch besserte es meine Hoffnung, mein Auto auch bei der Rückkehr noch vorzufinden. 02:30 Uhr startete ich am Parkplatz in Richtung Turtmannhütte, über mir der nahezu volle Mond. Dunkel war der Abgrund unter der Naturbrücke über die Turtmänna, die Stauseen glitzerten im Mondschein, über hätte der Himmel nicht sternenklarer sein können. Ein beinahe unwirkliches Gefühl. Zwischen den Stauseen hindurch, wo der Ausblick auf die Zunge des Turtmanngletscher dunkelgrau und bedrohlich schien, etwas den oberen See entlang, danach links hinauf an den Klettergärten vorbei zur Turtmannhütte. Bis hierher war ich erstaunlich zügig unterwegs gewesen. In gleichbleibendem Tempo zog ich weiter den Schotter und die Felsrücken unterhalb des Barrhorn hinauf. Bereits von hier aus waren auf dem Rücken oberhalb des Gletschers die Lichter der noch früheren Vögel zu sehen, die über den Normalweg des Bishorn sich am Nordgrat des Weisshorn versuchen wollte. Irgendwann zweigt der Weg in Richtung Brunegggletscher ab. Auf der rechten Seite nahm ich eine sehr neu erscheinende Markierung eines alpinen Weges zur Kenntnis. Eine nützliche Entdeckung, wie sich Stunden später herausstellen sollte.

Bisher war ich ohne Handschuhe unterwegs gewesen. Ein Fehler. Zu diesen Nachtstunden kühlte es nicht nur durch den Höhengewinn ab, auch kühlte die Erde selbst unter dem wolkenlosen Himmel aus. So hatte ich Mühe, mit kaum Gefühl und Beweglichkeit in den Fingern eine Jacke und eben Handschuhe überzuziehen. Mit Stirnlampe und dem hellen Mondlicht hatte ich auf dem offenen Eis einen hervorragenden Überblick, das Gelände flach, sodass ich weiter ohne Steigeisen lief.

Kurz vor Erreichen der geschlossenen Schneedecke begann die Sonne langsam aber stetig, den Osten über dem Brunegghorn zu erklimmen. Da unter der Decke nicht zwingen alle Spalten zu erkennen waren nahm ich nun den Pickel in die Hand und legte die Eisen, an. Im Morgengrauen war bald das Bruneggjoch zu sehen.

Nur wenige Schritte weiter wurde eine riesige Randkluft erkennbar und schnell war ich sicher, dass dieser Bergschrund für mich alleine nicht zu überwinden war. Ich sah mich um und überlegte. Möglichkeit eins war, bis zum Joch zu laufen und mich dort genauer umzusehen. Überschritt ich dabei mein Zeitlimit oder war die Überquerung nicht möglich, so bedeutete dies das Ende. Zweite Möglichkeit bot die vereiste Nordwand, die mit Firn bedeckt war. Zwar hingen über Teilen der Flanke große Eisabbrüche, im linken Teil schien ein Passieren jedoch möglich. Die Randspalte besaß an einigen Stellen Schneebrücken. Auch wenn es keine Garntie gab, dass diese stark genug waren, so stellte die direkte Flanke anstatt dem Grat die mehr versprechende Alternative. Außerdem machte der steile Firn echt eine wundersame Figur, wie er von den ersten Sonnenstrahlen rot-golden glühte. Also stakste ich nun zur breitesten der Brücke in der Hoffnung, dass diese am besten trug.

In einer weiteren kurzen Pause plante ich den voraussichtlich idealsten Weg auf den Firngrat. Mit zwei Eisschrauben sicherte ich mich über die Kluft. Eine gute Idee, denn als so richtig stabil stellte sich der Schnee nicht heraus, obwohl er dieses Mal hielt. Den Vorfall auf dem Hohlaubgletscher hatte ich ebenfalls nicht vergessen. Dann begann der anstregende Teil. Nachdem alles Marterial wieder am Gurt verstaut war, war Höchstleistung für die Waden angesagt: Auf den Frontalzacken ging es in anfänglich 70 bis 80 Grad Steigung, später ca 60 Grad rund 700 Meter auf 4.000 Meter Höhe am Grat hinauf. Gute Möglichkeiten zum Ausruhen boten sich nicht, dennoch empfand ich das Brennen in den Muskeln als Motivation. Bergsteiger sind schon ein seltsames Volk... . Die spontane Vorplanung der neuen Route erwies sich als hervorragend. Zur Belohnung gab es schon lange vor dem ersten Gipfel wahnsinns Eindrücke: Die Sonne stieg über der Mischabelgruppe empor, der Firn glitzerte im Licht unter blauem Himmel und nach unten ging es fast senkrecht abwärts. Unglaublich, mit welch Segen man für seine Mühen belohnt wird!

 Auf dem Grat selbst leider nicht so sehr. Der Schnee war tief, rutschte immer wieder unter meinen Schritten ab und somit nochmal anstrengender zu gehen, als die Wand. Daher nahm auch dieser weniger steile Weg für weniger Höhenmeter nochmals die gleiche Zeit in Anspruch. Vor dem Ostgipfel, der Point Burnaby (4.135m), wurde der Untergrund fester, bis die Spitze dann aus Blöcken und Schutt bestand. 09:30 Uhr hatte ich diese ein wenig später als geplant erreicht - wohl dem aufgeweichten Gipfelgrat geschuldet. Über den Sattel hinweg war der rege bevölkerte Hauptgipfel zu sehen, weshalb ich meine Futterpause auf den niederen verlegte. Die Schartenhöhe ist gering, der Untergrund war stabil, weshalb ich nach nur 20 Minuten den auf dem Hauptgipfel des Bishorn (4.153m) stand. Die Aussicht auf die Weisshornostwand und den Gletscher darunter war beeindruckend. Leider erinnerte der Ausblick auch an jenen traurigen Tag vor drei Jahren, als am Vortag unserer Besteigung zwei Kameraden kurz unter dem Gipfel abgerutscht und bis auf Gletscher in den Tod gestürzt waren. 

Nach einer kleinen Fotorunde und einem gedanklichen Exkurs, sämtliche sichtbare Viertausender zu benennen, war es Zeit für den Rückweg. Zum einen wollte ich nicht länger als nötig meinen "Minicamper" mit abgelaufenen Parkticket alleine lassen. Vor allem war da allerdings eine Verabredung, die in Freiburg (Breisgau) auf mich wartete und zugegebener Maßen auch mich mit Vorfreude erfüllte. Doch nun hieß es erst einmal: Konzentration. Im Sattel hatte ein Bergführer erzählt, dass eine Querung von der Cabane du Tracuit zur Turtmannhütte neu angelegt worden war und wo dieser zu finden war. Somit machten nun auch die nagelneuen Markierungen Sinn, die ich vor Stunden entdeckt hatte. Und weshalb der Weg noch auf keiner Karte eingezeichnet war. Da die Distanz sehr bedeutend kürzer war, wollte ich nun diesen Weg nehmen, auch wenn die Findung auf dem Gletscher schwierig werden würde.

In großem Bogen ging es über den Normalweg hinunter in Richtung der Cabane du Tracuit. Kurz bevor die Hütte in Sicht kommt, folgt man jedoch dem Eis linkshaltend in Richtung Tal und umgeht den oberen Teil der ersten Steilstufe auf markierten Bändern der Moräne. Die untere Hälfte nochmal mit Steigeisen und Pickel über offenes Eis durch das Spaltenlabyrinth. Man kommt auf ein Plateau und steigt das von rechts kommende Geröll zurück auf den Brunegggletscher hoch. Auf diese Weise wird die zweite Steilstufe zu den Stauseen umgangen. Der Weg durch den Schutt zog sich lange. Eine ungefähre Vorstellung hatte ich von der Karte und versuchte früh, nach links zu den Rücken unterhalb des Barrhorns zurückzukehren. Dabei war Vorsicht geboten, denn unter den Steinen befand sich weiterhin Eis und Spalten. 

Etwas zu früh hatte ich mich links gehalten. Ich stand am oberen Ende einer Wand. Zwar war die Stelle, an der man vom Gletscher auf die Moräne wechselt in Sicht, jedoch befand sich mein Standort etwa 100 Meter oberhalb. Den Versuch, die schotterbedeckten Bänder abzuklettern gab ich schnell auf und traversierte auf die Gabelung des Brunegggletschers zu. Von dort ging es leicht abwärtshaltend zu einer kleinen Gruppe Steinmänner und endgültig zurück auf festen Boden. Die unzähligen Rinnsale an der Oberfläche waren die größte Wohltat. Erfrischend kühl, köstlich und ich musste mir keine Gedanken um Durst machen.

Weiter durch Schutt, über die Felsrücken, danach nochmals feinerer Schutt und Schotter, vorbei am Klettergarten kam ich wieder an den Stauseen an. Ein Bergführer erzählte bei einem kurzen Plausch, dass es in der Nacht einen immensen Eissturz vom Turtmanngletscher in Richtung See gegeben hatte und in der Tat fehlte dort ein großes Stück. Noch einmal ein Bogen um den unteren See herum auf Schotterweg, den Bach entlang. Nach der Überquerung der Naturbrücke auf einen schmalen Pfad, genoss ich nochmals die Aussicht ins Tal, Blaubeeren vom Wegesrand und das beständige Rauschen der Turtmänna.

Der Pfad spuckte mich direkt am Parkplatz aus. Mein treuer blecherner Begleiter stand noch auf seinem Platz, wo ich 16:00 Uhr nach dreizehneinhalb Stunden wieder ankam. Das war's für 2021, Botten aus!

Nach einer kurzen Unterhaltung mit einer Gruppe Niederländer setzte ich mich auf einen Stein, Füße in den Bach und schrieb Post. Ein wenig Essen und Auto umräumen, Navi an und los. 

Los ging es zum Lötschenbergtunnel. Verdutzt war ich, als ich nur Gleise und Züge sah. Merke also: Züge sind Fähren, die mitten unter dem Berner Oberland hindurchschippern. Diese Lektion habe ich ebenfalls gelernt; wer das Navi einer bekannten Internetsuchmaschine nutzt, sollte auch in den Bergen Fähren ausschalten.

Wieder zurück im Rhonetal, nach Martigny, Fribourg über Basel, kam ich mit schlappen anderthalb Stunden Verspätung am Freiburger Hauptbahnhof an. Nach einem Fahrerwechsel in einer Seitenstraße brachte mich Lydia sicher in die Heimat zurück und ein langer Tag fand sein wohlverdientes Ende.

2021 ist definitiv eine Tour, die spontaner, unter den Umständen aber auch erfolgreicher hätte nicht sein können. Jeder Moment hat sich definitiv in mein Gedächtnis eingebrannt. So viel mehr hätte man noch schreiben können...

Ich möchte mich bei jedem bedanken, der mich auf dieser Tour unterstützt und begleitet hat. Insbesondere Torsten Puschmann, Katja und Lydia. Es war mir eine Ehre! 

 

Sebastian Sedlmeier

Eeinige der Bilder stammen von Katja, die ihre Rechte an den Fotos natürlich behält!

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