Gesellig bis einsam im Wallis

Datum: 21.08.-01.09.2021

 

Dass es manchmal nicht läuft wie geplant, das kennen wir alle. Genauso galt das auch für unsere Hochtour diesen Jahres und ich stand alleine da. Hinschmeißen? - Kam auch nicht in Frage, das Wetter war gut gemeldet und es war für mich die einzige Möglichkeit im ganzen Jahr. Nun denn...

 

Samstag, 21.08.2021

Umorganisieren war angesagt. Ausrüstung und die spontane Neuplanung wollten gut überdacht sein. Mein kleines Auto hatte ich ohnehin bereits umgebaut und Proviant war auch schon vorhanden. Anstatt morgens in der Frühe in die Schweiz aufzubrechen, benötigtes Material aus dem Vereinsheim besorgen und bei Torsten noch einige eventuelle Nützlichkeiten einsammeln. Mit ihm führte ich auch einige sehr informative Gespräche über die Bedingungen und Methodik.

Dann um 12:00 Uhr, Abfahrt in Richtung Furkapass, wo zwei Übernachtungen geplant waren. Nach einem langen Stau vor Heidelberg ging es flüssig nach Süden; die Freude machte mein Grinsen breit, als die Berge in Sicht kamen und es schließlich bei Basel über die Grenze ging. Der Ortsname Andermatt auf den Straßenschildern zeugte davon, dass die lange Fahrt im Auto bald ein Ende hatte.

 

Gegen 18:30 Uhr kam ich endlich am Furkapass an. Wahnsinn, wie dieser mittlerweile altbekannte Pass immer noch neu begeistert. Von Andermatt die Passstraße hinauf, bis sich hinter dem Hotel Furka das Panorama des Berner Oberlandes auftut.

Schnell packte ich einen kleinen Rucksack, um noch unterhalb des Muttgletschers zum Tällihorn (2.856m) hinaufzuspurten. Goldene Regel der Höhenvorbereitung: Höher steigen, tiefer schlafen. Aufgrund der Uhrzeit wurde meine schnelle Akklimatisationsrunde mit einem grandiosen Ausblick auf das Abendrot über den Viertausendern des Berner Obeerlandes belohnt. Kein schlechter Start für meine Tour. Ein prüfender Blick richtete sich noch auf den Galenstock auf der gegenüberliegenden Seite des Furkapass. Dann ging es zurück zum Pass, wo ich zum ersten Mal meinen „Camperumbau“ meines Kleinwagens auf die Probe stellte: Beifahrersitz nach hinten umgeklappt, Schlafsack ausgebreitet, fertig. Die Nacht wurde erholsam und ruhig.

22.08.2021

Nach der langen Anfahrt am Samstag ließ ich es zunächst ruhig angehen. Heute stand lediglich das Muttenhorn (3.099m) auf dem Programm. Dieses war mir von der Akklimatisation meiner ersten Hochtour im Jahr 2015 noch gut bekannt. Der Weg ist nicht schwer zu finden. Gleich wie am Vortag unterhalb der Reste des Muttgletschers auf der Höhe queren, kommt man nach ein paar Serpentinen auf der anderen Seite der Moräne zu einer verlassenen Hütte. Von hier aus einfach dem breiten Grat hinauf folgen. Leider hingen die Wolken tief und hoben sich erst, als der Gipfel fast erreicht war. Während der Rast musste ich feststellen, dass ich die Höhe recht deutlich spürte, auch wenn die typischen Kopfschmerzen ausblieben. Dennoch genoß ich die Pause sehr, sobald ich im Windschatten saß und schwelgte in Erinnerungen an vergangene Touren. Noch begriff ich nicht wirklich, was es hieß, alleine unterwegs zu sein. Nach einer Stunde machte ich mich auf den Rückweg. Wie vor sieben Jahren wählte ich den Weg über den Gletscher, zu dem man über eine Scharte hinunter gelangt. Es gestaltete sich schwierig, da die Schmelze auch dem Muttgletscher extrem zusetzt. Während des gesamten Abstieges versuchte ich noch einmal einen Ausblick auf meine nächste Tour zu erhaschen. Die Wolken blieben jedoch hartnäckig und stiegen nicht hoch genug. Kein gutes Omen. Nun aber genoss ich vorerst noch die Landschaft und den Gletscherbach auf dem Rückweg zum Pass.

 

Dort angekommen, ruhte ich aus, bereitete die Ausrüstung für die Besteigung des Galenstocks vor und parkte das Auto um. Viele Hoffnungen machte ich mir nicht, für den Moment tat es gut einfach auszuspannen und ein wenig zu lesen.

23.08.2021

04:30 Uhr klingelte der Wecker. Noch war es draußen duster. Etwas zu duster. Aber gut, Wolken an sich stellen nicht unbedingt ein Problem dar. So machte ich mich eine halbe Stunde später auf den Weg zu Sidelenhütte (2.708m). Diese stellte jedoch nur einen Wegpunkt dar. Von dort aus musste ich in Wolken kurz den richtigen Weg suchen. Den Hannibalturm links liegen lassen und rechtshaltend an steilen Felswänden vorbei einige Schneefelder hinauf. Die geringe Sicht erschwerte die Orientierung und das Schätzen von Entfernungen immens. Ab und an ließen die Wolken ein Blick zurück zu und die Uhr verriet, dass ich ein wenig hinter meinem Zeitplan lag. Soweit aber noch in Ordnung. Mit Steigeisen ging es den steiler werdenden Schnee hinauf zu einer Rinne zu einem Klettersteig, der auf den Südgrat des Galenstock (3.586m) führt. Der Übergang auf den Fels war heikel. Der Schnee war unterhöhlt und eine Kluft zum losen Schutt musste überwunden werden. Daher verschwendete ich keine Zeit und kraxelte den Klettersteig ein kleines Stück hinauf, um die Steigeisen anzulegen. Von hier aus konnte ich kurz unseren Umkehrpunkt von 2018 erspähen.

 

Der Steig führt ausgesetzt die Wand der Scharte hinauf und endet oben auf dem Grat. Dort wechselt man kurz auf Schnee, bevor man in den Südgrat mit IIIer Kletterei einsteigt. Einzelne Durchbrüche der Sonne hatten mich auf eine Besserung des Wetters hoffen lassen. Stattdessen verschlechterte sich die Sicht zunehmend auf unter 50m und Schneeschauer setzten ein, während ich immer weiter in die Wolken hineinkletterte. Die Erschwerte Orientierung, Entwicklung entgegen der Wettervorhersage und die noch bevorstehenden Höhenmeter mit anschließendem Abstieg, sowie die Tatsache, als Sologänger auf mich allein gestellt zu sein, waren mir sehr bewusst. Daher entschloss ich mich auf etwa 3.200m zur Umkehr. Der Abstieg klettert sich bekanntlich schwieriger als der Aufstieg...

Vor dem Abstieg vom Grat auf den Gletscher machte ich noch eine ausgedehnte Pause. Zeit dafür war nun mehr als genug und mehr Zeit in der Höhe würde sich im Laufe der Woche auszahlen. Zudem war Gelegenheit, meinen nun dritten gescheiterten Versuch am Galenstock zu reflektieren. Auch wenn er mit knapp 3.600m alles andere als hoch ist, verglichen mit all den Viertausendern, so ist dieser Gipfel eine ausgewachsene Hochtour mit allen Gefahren und Risiken. Außerdem darf man die mentale Herausforderung nicht unterschätzen, ausgesetzt, zudem in schlechtem Wetter alleine unterwegs zu sein. Die Besteigung über leichteres Gelände vom Rhonegletscher aus wäre vielleicht möglich gewesen, die Kletterroute war auch dieses Mal das Risiko nicht wert.

 

Bald machte ich mich an den Abstieg hinunter zum Gletscher und setzte Kurs auf die Sidelenhütte. Der Steig führte nun auch wieder unter die Wolken, sodass ich zum ersten Mal am Tag meine Umgebung betrachten konnte. Am Bach hinter der Hütte zeigte sich sogar nochmal die Sonne, das Grau um den Gipfel wich jedoch den ganzen Tag nicht mehr fort. Den Gipfel bekam ich den ganzen Tag lang nicht zu sehen.

Nach kurzer Rast in der Sonne gab Hunger das Kommando zum Aufbruch, zumal es auch wieder zuzog. Im verbleibenden Abstieg begann ich bereits mit der Umplanung der restlichen Tage. Eine Fortführung der Tour wie geplant war so nicht möglich, da bereits ein Tag verloren war.

Zurück am Auto verkroch ich mich in den Schlafsack und verbrachte den Nachmittag damit, ein neues nächstes Gipfelziel zu suchen. Draußen ringsum eine weiße Wand, die am Abend allmählich dunkler wurde, während es zu stürmen und regnen begann. Tatsächlich war es ein Gefühl von Zufriedenheit, die Entscheidung zur Umkehr getroffen zu haben.

 

 

24.08.2022

Der neue Tag brachte vollkommen neue Ausblicke. Zwar zeigte sich der Galenstock auch heute nicht, südlich des Furkapass war es jedoch vollkommen wolkenlos. Ruhetag war angesagt. Dennoch machte ich mich einige Meter auf den Weg, die Gegend zu erkunden und einige Meter aufzusteigen. Es waren viele Wanderer unterwegs, die sich allesamt über einen kleinen Plausch freuten. Zwei davon hatten sich das kleine Furkahorn (3.026m) vorgenommen. Nachdem auch dieses sich in Wolken hüllte, schossen wir gemeinsam ein paar Fotos vom Berner Oberland und stiegen ausgedehnt zum Parkplatz hin ab. Nach einem kurzen Abschied widmete ich mich wieder meinen eigenen Plänen.

Die Wahl war auf das Strahlhorn gefallen. Ich trocknete meine Stiefel, fasste Essen und räumte mein Auto für die Fahrt um. Vom Pass aus ging es am Rhonegletscher vorbei ins Rhonetal nach Visp. Dort in Richtung Saastal und Zermatt bis zur Gabelung des Tals. Hier wollte ich die Nacht verbringen und die Möglichkeiten vor Ort nutzen, mein Marschgepäck vorzubereiten und Wasser aufzufüllen.

Da der Tag nicht gefüllt war, erkundete ich ein wenig den umliegenden Wald. Laut einer Mountainbikerin soll es von meinem Parkplatz aus die Möglichkeit geben, zur Bordierhütte zu gelangen. Diese ist ein Ausgangspunkt für die Begehung des Nadelgrat. Eine lange, hochalpine Tour, die definitiv auf meiner Liste steht!

Bald wurde es Zeit, sich wieder dem Schlafsack zu widmen und den nächsten Tag anzugehen.

25.08.2022

Zwar war heute nur ein Aufstieg von Zer Meiggeru zur Britanniahütte geplant, was jedoch keine Rechtfertigung für Ausschlafen war. Früher Aufbruch sorgte hoffentlich dafür, weniger lange der Mittagsglut ausgesetzt zu sein, in Mitten von Geröll und Moräne. 06:00 Uhr ging es daher aus den Federn. Beim Packen hatte ich mich um möglichst leichtes Gepäck bemüht. Der Rucksack war nach einem kurzen, kalten Frühstück zusammen mit den Stiefeln marschbereit verstaut. Ein letztes Mal vom Brunnen getrunken, dann ging es auch schon los ins Saas-Tal. Der Weg und Parkplatz war mir von meinen Anfängen in den 4.000ern bereits gut bekannt: 2015 hatte Torsten mit mir hier das Nadelhorn und die Weissmies bestiegen. Auch damals hatte ich den Namen der Britanniahütte oft gehört und dass man im Winter dorthin auch mit den Skiern aufsteigen kann. An dieser Stelle darf der Parkplatz gelobt werden: Es ist hier ehrlich leistbar, sein Auto abzustellen. Lediglich ist die Parkdauer auf maximal 48 Stunden begrenzt.

An diesem Tag war ich nicht der Einzige, der früh von diesem Parkplatz aus starten wollte: Während ich meine sieben Sachen vorbereitete und die Botten anzog, kam Katja herüber und fragte mich nach meinen Plänen. Es stellte sich heraus, dass wir beide das selbe Tagesziel hatten.

Nach einem kleinen zweiten Frühstück startete auch ich gegen 08:00 Uhr in Richtung der Hütte. Früh unterwegs zu sein lohnt sich hier, da von Anfang an kaum Bäume Schatten spenden. Mit wenigen Serpentinen und langen Querungen arbeitet man sich die steile Flanke des Egginers (3367m)oberhalb von Zer Meiggeru hinauf. Dabei kommt man an den Resten einer abgerissenen Hütte und einem immer noch aktiven Schutzbunker vorbei. Recht schnell kam die Sonne hinter der Bergkette auf der anderen Talseite hervor, sodass es bald drückend heiß wurde. Als der Mattmarkstausee in Sicht kam, begann das Gelände kurz flacher zu werden und die Möräne führt zum Chessjengletscher hinauf. Nach einer weiteren kurzen Stufe quert man die Moräne und es geht flach über Eisreste hinüber zu dem Sattel, auf dem die Britanniahütte (3.030m) steht. Hier überhohlte ich Katja, die zwanzig Minuten vor mir gestartet war. An der Hütte steigt der Weg nocheinmal in einer kleinen Stufe sozusagen auf die Terasse empor und man kommt zwischen dem Gebäude und Klein Allalin (3.070m) heraus. Meine Gehzeit betrug drei Stunden.

Zur Britanniahütte führt außerdem vom Stausee aus noch der Glacier Trail und man kann von der Station Felskin in kürzerster Zeit maximal komfortabel hinüber laufen. Wenn man das nötige Kleingeld für die Bergbahn von Saas Fee hat.

Vor der Hütte erkundeten Katja und ich die Umgebung auf Sicht und tauschten uns bei einer gemütlichen Stärkung über unsere Vorhaben der nächsten Tage aus. Und Handynummern. Denn sie stieg am selben Tag wieder ins Tal ab, um ihren ersten 4.000er in Angriff zu nehmen: Das Lagginhorn (4.010m) auf der anderen Seite des Tals. Wir wollten uns später in Stalden treffen und gemeinsam die Weissmies besteigen.

Den Rest des Tages verbrachte ich mit einer kurzen Erkundung des morgigen Weges bis an den Gletscher hinunter und Schlafen. Beim Essen am Abend sammelte ich bei einer niederländischen Gruppe mit Bergführer noch einige Informationen über die Bedingungen im Umland. Auch diese Seilschaft hatte sich für den kommenden Tag das Strahlhorn vorgenommen. Mit Vorfreude, aber auch ordentlich Respekt vor den Gletschern kroch ich wieder in meinen Schlafsack.

26.08.2021

Erster "großer" Gipfeltag: Strahlhorn. 03:45 Uhr kroch ich aus dem warmen, sicheren Schlafsack. In aller Ruhe spulte ich den geplanten Ablauf am Morgen ab, sodass ich eine halbe Stunde später gefrühstückt hatte und fertig (?!) ausgerüstet als Erster von der Hütte startete. Das angenehme dort ist, dass man zuerst ein wenig ist Richtung Gletscher absteigt. Am Eis angekommen wollte ich die Steigeisen anlegen. Zwar ist der Hohlaubgletscher flach und gut begehbar, jedoch bieten die Eisen zusätzliche Sicherheit und Möglichkeiten im Notfall. Intuitiv griff ich an die Schlafe meines Gurtes. Ins Leere! Die beiden eigens für die Tour neu angeschafften Steigeisen lagen noch auf der Hütte. Also ab zurück. Auf dem Weg dämmerte mir, was los war: Ursprünglich wollte ich meinen Gurt vollausgerüstet bereit legen. Allerdings hatte ich die Steigeisen im Nachhinein wieder abgenommen, um mich beim Anziehe der Stiefel nicht versehentlich auf die spitzen Zacken zu setzen...

Eine ganze halbe Stunde kostete mich dieses Missgeschick. Nachdem ich unter verdutzten Blicken der Kameraden nochmals die Hütte betrat, querte ich kurz darauf in einem Bogen auf der Höhe den Hohlaubgletscher. Nun hatte ich den Vorteil, anderen Seilschaften mit Bergführern folgen zu können. Die Nacht war optimal gewesen, denn es hatte gut gefroren. Somit verkürzte sich der Weg über den offenen Gletscher, auch derer, die vor mir gingen, enorm. So mussten wir nicht sämtliche Spalten umgehen, sondern konnte Schneebrücken nutzen.

Fast alle. Plötzlich gab es einen Ruck, ich hörte Schnee rieseln und der Lichtkegel meiner Lampe machte einen Satz. Rechts hatte der Pickel irgendwie Halt im Eis gefasst, die linke Hand ruderte in Pulverschnee, der sich sogleich nach unten verabschiedete. Hoffend, dass der Pickel hielt, trieb ich eine Eisschraube in die Wand vor mir, um hoffentlich einen sicheren Anker zu bekommen. 

Bericht in Arbeit, mehr kommt in Kürze :)

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