Grand Paradiso 16.-24.09.2022

Einen Versuch wagen und mal sehen, was draus werden kann. So könnte man die diesjährige Tour zu den 4.000ern der Alpen beschreiben. Wieder ein völlig unerwartetes Jahr, wieder alleine. Recht spät in der Saison, aber Hauptsache Tour - versuchen kann man's ja. Pläne kommen, Pläne gehen. Aber Berge und Leidenschaft bleiben!

Samstag, 17.09.

Zur Anfahrt nur so viel: Gestartet am Vortag bei Sommerwetter war ich in der Nacht um halb zwei auf dem Großen Sankt Bernhard-Pass bei Sturm angekommen. Entsprechend weiß war die Umgebung, als ich gegen 11 Uhr in meinem Auto frühstückte. Eine kleine Runde wollte ich gehen. Zwar stürmte es immer noch, der Himmel war mittlerweile aber strahlend blau und die Akklimatisation musste sein. Ohne Höhengewöhnung ist die Luft auf den ganz hohen Bergen eben zu dünn.

Auf der kurzen Runde überquerte ich einen kleinen Kamm und erkundete die Gegend. Stets mit Tuch vor dem Gesicht, um vor den umhergewehten Eiskristallen geschützt zu sein. Eben jene sehen jedoch auch wunderschön aus, wenn sie kleine Tornados oder an Kanten eine Fahne bilden. Nach drei Stunden war ich dann aber auch froh mich wieder in meinem Schlafsack vor der Kälte zu verkriechen, ehe ich zu Sonnenuntergang nochmal das wenige Meter weiter gelegene Denkmal besuchte.

Sonntag, 18.09.

Für heute stand unser Sankt Bernhard-Klassiker an. Warm eingepackt zum Bernhardinermuseum. Von dort führt normalerweise ein Pfad, später Steig zur Grande Chenalette hinauf. Heute leicht vereist und weglos. Der Weg ist mir gut bekannt, daher war dies kein Problem und der Gipfel ist gut an der schweizer Flagge zu erkennen. Dabei hält man sich meist rechts von der Kante.

Nach der Grande Chenalette geht es in einem sanften Bogen hinüber zur Point de Drône. Zwar war es hier oben noch sehr windig, jedoch weit weniger als am Vortag. Und die Aussicht - toll! Im Südwesten Mont Blanc und davor die kolossale Point Walker, im Nordosten erhebt sich der Grand Combin den wir 2020 bestiegen hatten. Im Süden war mein Ziel der nächsten Tage bereits zu sehen: Der Grand Paradiso.

 

Der Abstieg geht zum Sattel Fenêtre d'en Haut, von dort nach Süden hinunter. Der Schnee der vorletzten Nacht war zu großen Teilen verschwunden, sodass man unterhalb der zuvor bestiegenen Gipfel schneefrei in der wärmenden Sonne zum Pass zurück queren konnte. Dabei ließ ich es mir nicht nehmen, das kristallklare Wasser vom ersten Wasserfall zu kosten, ehe ich nach einer weiteren halben Stunde die Genussrunde beendete. Nach einiger Fahrt mit dem Auto endete der Tag auf dem Parkplatz in Pont im Grand Paradiso-Nationalpark unterhalb des namensgebenden Berges. 

Montag, 19.09.

Auch heute Akklimatisation - Gewöhnung an die Höhe. Diesmal gepaart mit einer Erkundung des Aufstieges bis zum Einstieg in den Westgrat, der zum Südsporn des Grand Paradiso führt. Zum Frühstück lud mich ein Ehepaar aus dem benachbarten Camper zum Aufwärmen bei einer Kaffee und Croissant ein. Und zu einer spontanen Lektion für mein eingerostetes Französisch. Gegen 08:00 Uhr verließ ich die beiden, die aus Chamonix kamen, und folgte meinem Tagesprogramm.

Vom Parkplatz aus wandert man ein Stück weiter in das Tal hinein bis zum Rifugio Tetras Lyre, welches sich auch das Basislager des Grand Paradiso nennt. Von dort aus geht es weiter nach Osten zum Rifugio Vittorio Emanuele II, wobei die Geländestufe in zahlreichen Serpentinen überwunden wird. Danach nimmt die Steigung ab und man erreicht in einem leichten Linksbogen die Hütte mit dem Reservoir.

Von dort aus weißt ein kleines Schild den Weg nach links, bei dem es sich wohlgemerkt nicht um den Normalweg handelt. Der Pfad führt erst nach Norden, dann leicht rechts haltend auf einen Schuttrücken durch eine alte Moräne unter einen Felsrücken. Auf diese hinauf gelangt man durch brüchiges Ier Gelände. Dort oben gibt es viele Wege, die hinauf zu einem Klettersteig führen. Bis dort setzte ich meine Erkundung noch fort, ehe ich auf einem luftigen Absatz im Schatten auf knapp 3.400m meine Mittagpause genoss. Aufgrund meiner nicht optimalen Form legte ich als Gipfeltag den Mittwoch fest, um optimalere körperliche Voraussetzungen zu haben. Gegen 16:00 Uhr erreichte ich wieder den Parkplatz. Dort sprach mich ein Paar auf die Verhältnisse auf dem Gipfelweg an und erzählte, das ihr Wetterbericht ab Mittwochvormittag Wolken und Regen vorhersagte. Nicht gut. Nachdem ich meine Ortskenntnisse geteilt hatte, zogen die beiden von dannen und ich begann zu grübeln. Schließlich nahm ich das Risiko in Kauf, dass meine Fitness nicht bis auf den Gipfel reichte, um den Versuch noch bei gutem Wetter und somit optimalen Verhältnissen zu starten. Ich packte meinen Rucksack, legte die übrige Ausrüstung bereit und kroch alsbald in meinen Schlafsack. Mehrmals wachte ich auf von der Kälte und musste mir was überziehen. Abends waren die Temperaturen noch sehr mild gewesen, fielen in der Nacht jedoch stark.

Dienstag, 20.09.

05:00 Uhr. Aufstehen. Eine halbe Stunde später startete ich auf dem bekannten Weg. Immer wieder fielen mir zwei Lichter auf, die in einigem Abstand in der Dunkelheit folgten. Als ich das Rifogio Vittorio erreichte, war die Sonne bereits aufgegangen, befand sich jedoch noch auf der abgewandten Seite des Grand Paradiso. Der kühle Schatten tat bei der Anstrengung gut, wobei es mit der zunehmenden Höhe ebenfalls deutlich kühler wurde. Bis zum Klettersteig hatte ich zu zwei Italienern aufgeschlossen, sodass wir oberhalb des Klettersteiges gemeinsam eine Sicherungslinie durch die obere Randspalte des anschließenden Firnfeldes legten. Davon profitierten auch unsere Verfolger - Kirstin und Matin vom Vorabend. Mit letzteren beiden ging ich von hier aus zu dritt weiter und wir blieben am Seil.

Nachdem die Spalte durchklettert war, kamen wir weit oberhalb der Bruchzone auf den Normalweg. Das Gelände öffnet sich im Verlauf nach Südosten hin und man in einem weiten, stetigen Linksbogen dem Gletscherabbruch unterhalb des Gipfelaufbau entgegen läuft. Dieser zeigte sich eindrucksvoll mit langen Eiszapfen. Die Spalte selbst war von festem Eis und Schnee verschlossen. Bergführer hatten eine Leiter angebracht, um der Kundschaft die Überwindung ohne Können möglich zu machen. Nach der Leiter querten wir aufwärts nach links zu der Scharte, die die Erhebung mit der bekannten Madonna vom Hauptgipfel trennt. Die Madonna mag der Grund sein, weshalb diese Felsformation weit öfter als "Gipfel" begangen wird als der eigentliche, der drei Meter höher ist. An der Scharte deponierten wir Rucksäcke und Seil und kletterten in leichtem Gelände frei bis zur Madonna (4.058m), wo es auch ein kleines Gipfelbüchlein gibt. Die Aussicht hier oben - paradiesisch. Angefangen im Südwesten ist zu sehen, wie der Monte Viso prominent über der Côte d'Azur thront. Nördlich davon Mont Blanc und Grand Jorasses, ehe der Blick weiter zum Grand Combin wandert. Wiederum östlich von diesem erheben sich Weisshorn, Dent d'Herens und das Matterhorn, daneben die Mischabel Gruppe und Allalin, ehe die Viertausenderkette ihren Abschluss in den Riesen des Monte Rosa findet. Wahnsinn!
Nach kleiner Fotorunde ging es zurück zur Scharte, von wo aus ich noch auf den eigentlichen Gipfel (4.061m) kletterte. Das Gelände ist dort etwas schwieriger und ausgesetzter, jedoch gut zu bewältigen. Etwas entspannen konnte ich dennoch erst, als ich wieder am Depot war und wir eine kurze Futterpause einlegten. Nicht lange, da die Höhe an unseren Kräften zehrte. 

Angeseilt ging's zurück auf den Gletscher. Abwärts konnten wir gut einfach rollen lassen, ehe unser Weg zu der Firnkuppe mit der großen  Spalte in einem Gegenanstieg nach links abzweigte. Dort sicherten wir wieder mit Schrauben durch das Eis. Von hier aus ein kleines Stück den Firnrücken hinunter, bevor man in den Felsgrat einsteigt. Zügig ging es den Kletterteig zurück bis auf das breite Plateau unterhalb. Hier machten wie eine größere Rast. Den richtigen Abstieg zum Schotterrücken hinunter zu finden stellte sich schwieriger heraus, als gedacht. Nachdem wir also zweimal erfolglos über die Kante gelugt hatten, waren wir an der richtigen Stelle angekommen. Trotz des leichten Geländes sind die Felsbänder gerade im Abstieg sehr unangenehm, da überall Geröll und Schotter herumliegt. Doch irgendwann war auch das geschafft und der Autopilot sprang an und jeder ging sein eigenes Tempo. An der Hütte machte ich Halt, um etwas zu trinken und die Aussicht ins Tal nochmal zu genießen. Danach war es nur noch eine Stunde bis zurück zum Auto.

Den Rest des Tages verbrachte ich mit dem Trocknen der Ausrüstung, Essen und neu packen. Der Wetterbericht hielt nichts Gutes bereit: In zweieinhalb Tagen sollte es im Monte Rosa - meinem nächsten Ziel - schneien. Mehrere Meter. Der Plan war nun, noch am heutigen Abend zum Parkplatz zu fahren, morgen den Aufstieg zu wagen und den Tag darauf wieder ins Tal zurückzukehren. Dabei waren auch die Gletscherverhältnisse schlecht für einen Alleingang. Aber mal sehen... Am Abend erreichte ich den Parkplatz in Staffal (1.700m), über dem sich der in der Abendsonne glühende Lyskamm erhob.

Mittwoch, 21.09.

Gegen halb sechs in der früh startete ich, um planmäßig am Nachmittag das Biwak am Balmenhorn (4.167m) zu erreichen. Zunächst im Dunklen entlang der Lys folgt man bald dem Wanderweg zum Colle Salza. Vorbei an ein wenig erfrischendem Wasser zieht sich der Aufstieg durch endlosen Schutt bis zum Rifugio Citta di Mantova. Dieses war zwar geschlossen, die sonnige Terrasse bot sich aber zu einer herrlichen Rast ein. Von hier aus ist auch die Gnifetti-Hütte zu sehen. Ehemals Stützpunkt für Bergsteiger ist sie zu einem Stützpunkt für Tourismus geworden. Als Bergsteiger fühlt man sich dort definitiv nicht willkommen. Nun denn, zum Balmenhorn lässt man die Gnifetti im wahrsten Sinn des Wortes links liegen und quert unterhalb der Vincentpyramide den Lysgletscher. Zwei Aufschwünge sind dabei zu überwinden. Jedoch lagen bereits vor den beiden Bruchzonen die meisten Spalten frei. Ein regelrechtes Labyrinth, da die meisten nicht zu überspringen oder zu durchklettern sind. Auch hatte ich stark an Tempo verloren. Zum einen durch den bereits sehr langen Aufstieg um anderen durch die Spalten. Gegen 13:00 Uhr auf fast 3.800m Höhe fasste ich schweren Herzens die Entscheidung zur Umkehr. Das Balmenhorn schien nur noch einen Katzensprung entfernt. Jedoch war es bereits jetzt problematisch, einen Weg durch den Gletscher zu finden. Dabei ist ein Gletscher permanent und ein eventuell früher einsetzender Schneefall und Wolken konnten daher eine selbstständige Rückkehr unmöglich machen. Daher blieb es bei dem Versuch, das Monte Rosa zu erreichen.

Kurz nahm ich mir noch Zeit die Aussicht zu genießen, dann begann ich, den Gletscher hinab und durch die trostlose Schuttwüste bis kurz vor einen Bach abzusteigen. Hier legte ich auf einem Absatz hoch über dem Tal nochmal eine ausgiebige Pause ein. Nach einer ordentlichen Verkostung des Bachwassers und Begegnung mit zwei Gämsen zog ich den Weg zum Auto in der Abendsonne durch, ich mit brummenden Beinen die Tour für dieses Jahr beendete.

Tja, Erfolg kann und sollte man nicht erzwingen. Umkehr muss immer eine Option bleiben, wobei man auch hier die Anstrengung eines längeren Rückweges bereits bei der Planung im Kopf haben sollte.

Nächstes Jahr versuche ich es nochmal mit dem Balmenhornbiwak, hoffentlich mit Gesellschaft. In mitten des Monte Rosa sind von hier aus viele 4.000er gut zu erreichen.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0